Warum Jakobsweg?

Die meisten Pilger auf dem Jakobsweg, so ist jedenfalls mein Eindruck, sind auf der Suche nach dem "irgend etwas". Sicherlich hat Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" zumindest viele Deutsche dazu motiviert, das gleiche zu tun und sich auf dem Weg zu machen. Auf diesen alten Wegen zu laufen, wo bereits vor Jahrhunderten, wenn nicht jahrtausenden, Menschen gepilgert haben, hat etwas zutiefst mystisch- magisches.  Der Weg wirkt auf jeden Menschen unterschiedlich – je nach Bewußtsein. Ich habe kaum oberflächliche Menschen auf dem Weg kennengelernt. Es sind Menschen, die sich über das Leben, die Schöpfung, und des Seins tiefe Gedanken machen …. und im Laufe der Zeit wirst Du offen für die Stimmen der Natur, für die Wahrheiten des Kosmos, wenn nach einigen Wochen des "gehens" die Gedanken, Sorgen, Nöte des Alltags "abgelaufen" sind das tiefere Selbst an die Oberfläche kommt. Die Sinne werden fein und offen für das was ist. Und jede Minute, jede Stunde, gibt es eine neue Erkenntnis. Da stehst Du vor einem rauschenden Bachlauf und meinst: Hier gibt es kein durchkommen … und dann plötzlich zeigt sich doch noch ein ganz leichter Übergang.  Oft blockiert schon eine negative Vorstellung das Handeln. Gibts Du Dich aber ganz dem Kosmos hin und bittest um eine Lösung, kommt sie unmittelbar.

Erkenntnisse

Einen wunderschoenen Abend haben wir mit den Moenchen im Kloster Sobrado verbracht. Die Gesaenge und Meditation waren einen schoenen Abschluss auf dem Camino del Norte, der durch einsame Landstriche in Galicien fuehrt. Heute (24. Mai) trafen wir dann auf dem Hauptweg, den Camino Frances, in Arzua. Es sind hunderte Pilger unterwegs. Ich traf Menschen aus Kolumbien, Kanada, USA, Japan und natuerlich viele aus der Bundesrepublik. Es ist ist wie ein Kulturschock nach der langen Wanderung durch einsame Doerfer. In Pedrouzo fluechteten wir vor einem Wolkenbruch in ein Cafe. Ein ungeheurer Laerm ertoente aus dem Fernsehen, von laut diskutierenden Menschen und Musik. Einige wichtige Erkenntnisse von dem Camino Norte. Egal wie schwierig der Weg – es gab immer freundliche Menschen, die einem den Weg zeigten. Probleme, die sich v.a. aufgrund der schwierigen Wetterlage ergaben, loesten sich in der Regel wie von selbst. Voraussetzung: Es musste aktiv nach einer Loesung gesucht werden – egal ob es sich um eine Uebernachtungsmoeglichkeit handelte oder alternativen zu der geplanten Route. Nach 470 km auf der Kuestenroute und dem Camino Del Norte fuehlt man sich angenehem erholt und "durchgewaschen".
 

Verschlungene Wege

Nach gut 14 Tagen auf dem Camino del Norte, zeigt sich dieser Jakobsweg als echte Herausforderung.In Asturien sind die Wege schlecht markiert und teilweise so zugewachsen, dass wir uns gelegentlich, wie durch einen Tschungel durch das Gelaende schlagen mussten. Das Wetter ist sehr unbestaendig. Aber jede Herausforderung hat sich immer wieder loesen koennen – nach dem Motto "los gehts". Dann stand ploetzlich ein Mensch, der einem den richtigen Weg zeigte oder es fand sich irgendwo im Gebuesch ein versteckter Monolith mit der Jakobsmuschel, der uns wieder auf den richtigen Weg brachte. Was ich hier lerne ist: Wenn es ein Problem gibt, hilft es nicht auf eine Loesung zu warten. Durch Handlung bietet der Kosmos eine Loesung an – immer. Es gilt da nur wach zu sein, fuer die Antwort, die ueberall im Umfeld zu finden ist. Nun sind es noch 170 km bis Santiago. Wir sind bereits ueber 300 km gelaufen und langsam stellt sich der Koerper auf das Gehen ein – es wird immer leichter. Ab Ribadeo faengt der Galicische Jakobsweg an. Die Pilgerherbergen sind in der Regel gut gepflegt und die Menschen auf Pilger eingestellt. Die Wege sind ausgezeichnet markiert. Wir hatten in dem asturischen Dorf Cadavedo eine echte Herbergsherausforderung. Die Anlage ist eine echte Zumutung – ueberall feucht und mit Schimmelpilz an den Decken und in der Dusche. Wir brauchten nicht lange ueberlegen und sind weitergelaufen. Nach nur einem Kilometer fanden wir ein wunderschoenes Privatquartier.

Jakobsweg – Alternativroute

Im letzten Jahr sind 114,000 Menschen auf dem Jakobsweg gepilgert. Die Hauptroute – der Camino Frances – ist selbst im Frühjahr schon ziemlich überlaufen.  Im letzten Jahr bin ich eine andere Route –  über Somport, Jaca, Artieda – gegangen, die ich sehr empfehlen kann. Dieses Jahr geht es auf den Camino del Norte. Weil nur knapp drei Wochen Zeit sind, ist der Ausgangspunkt Llanes. Von dort geht es immer an der Küste entlang bis Ribadeo und von dort ins Inland über Sobrado dos Monxes. In Arzua kommen wir wieder auf den Hauptweg – den Camino Frances. Bin aufgeregt und gespannt. Laut Wettervorhersage soll des Wetter in den ersten Tagen nächste Woche etwas unbeständig sein. Halte Euch auf dem laufenden.

Jakobsweg und Pilgerherbergen

Beim gehen auf dem Jakobsweg kommen im Laufe eines Tages immer wieder Phasen des Widerstands, Müdigkeit und Körperschmerzen. Für mich war es wichtig meinen eigenen Rhytmus zu finden. Es ist wie in der Tai Chi Form. Jeder Mensch hat einen ureigenen Rhytmus. Männer gehen oft schneller als Frauen und vielleicht ist dieses mit ein Grund, warum es bei Paaren zu Spannungen
auf dem Weg kommt. Es ist eine Übung der Geduld mit sich selbst und mit dem Partner/Partnerin. Wie lange kann ich mich dem Rhytmus des Gegenübers anpassen. Manchmal ist es auch wichtig ganz alleine zu gehen – um sich selbst über einen längeren Zeitrum "auszuhalten".
Ein anderes Thema sind die Pilgerherbergen. In der Tat ist es gewöhnungsbedürftig mit bis zu 60 Personene einen Schlafraum zu teilen. Ein wahres Schnarchkonzert kann die Nachtruhe empfindlich stören. Ein besonders lauter Schnarcher "verfolgte" mich über mehrere Tage. Es hat sich aber vieles geändert. In der Regel sind die Pilgerherbergen einfach ausgestattet, aber sauber. Ausserdem gibt es inzwischen auf dem Weg viele durchaus komfortable privat geführte Pensionen. Man mag sich fragen warum Menschen, die es sich durchaus leisten könnten nicht in ein teures Hotel gehen. Ich meine, die abendliche Gemeinschaft in den Herbergen hat etwas besonderes. Gemeinsam kochen, einen Wein trinken und sich über die Erlebnisse des Tages austauschen hat etwas. Nirgendwo traf ich oberflächliche Menschen. Auf dem Weg begeben sich ganz besondere Persönlichkeiten. Allein diese menschlichen Begegnungen sind etwas Besonderes an dem Jakobsweg. Die Übernachtungen in den Pilgerherbergen sind eine Übung der Demut. Es geht um Rücksichtnahme, sich Einlassen auf den Anderen, gemeinsam zu teilen und dankbar, das annehmen was ist. Vergessen wird oft, dass es viele Menschen gibt die ihren Jahresurlaub opfern, um ohne Bezahlung in eine Pilgerherberge zu arbeiten.